Einzelkind vs Geschwisterkind

17.1.17

Dieses Thema schlummert schon eine Weile in mir, da wir momentan nur ein Kind, seine Freunde aber so gut wie alle Geschwister haben. Oft mache ich mir Gedanken, ob meinem Kind das schadet, ob es Vor- oder Nachteile gibt und wie er selbst das wohl sieht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er noch ein Geschwisterkind wird, momentan ist er aber alleine und bekommt unsere komplette Aufmerksamkeit. Interessant ist, dass etwa ein Viertel aller Kinder in Deutschland Einzelkinder sind. Wenn ich mich bei uns so umschaue, dann hätte ich weniger erwartet. Gründe, warum Familien nur ein Kind haben, gibt es sicher viele: Zu viel Arbeit, zu teuer, vom Partner getrennt, Karrierepläne, klappt nicht, zu alt, ... Was auch immer der Grund ist, ist es denn schlecht für das Kind, wenn es ohne Geschwister aufwächst? 
Einzelkind oder Geschwisterkind

Einzelkinder können nicht teilen

Es gibt das allseits bekannte Vorurteil, Einzelkinder wären Ich-bezogen und könnten nicht teilen. Wenn ich ehrlich bin, war ich darin als Kind auch nie besonders gut, obwohl ich einen Bruder habe. Oder gerade deshalb. Wenn man als Geschwisterkind nämlich immer teilen muss, dann macht man das vielleicht noch weniger gern. Prof. Dr. Hartmut Kasten (Entwicklungspsychologe) sagte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung sogar, dass in Studien festgestellt wurde, dass Einzelkinder besser teilen können, dass sie kompromissbereiter sind und dass sie lieber Verantwortung übernehmen. Pauschalisieren kann man das sicher nicht, es kommt ja auch immer auf das Kind an.
Dass die Kinder wie früher alleine auf die Eltern gestellt waren, ist heutzutage ja auch gar nicht mehr so. Die meisten Kinder gehen schon mit 1 Jahr in die Kita und kommen in Kontakt mit Gleichaltrigen. Wir treffen uns zum Beispiel auch so gut wie jeden Nachmittag mit einem seiner Freunde oder Freundinnen.
Einzelkinder können nicht teilen

Geschwisterkinder streiten immer

Was ich als Kind toll fand, war, dass ich im Urlaub immer jemanden dabei hatte, mit dem ich spielen konnte und den ich schon kannte. Zu Hause haben wir auch miteinander gespielt, als wir kleiner waren (mein Bruder ist 3 Jahre jünger), aber ehrlicherweise haben wir uns auch sehr oft gestritten. Auch beim Streiten lernt man, wenn es allerdings zu viel und zu gewalttätig wird, dann kann das auch zu erhöhtem physischen Druck führen. Oft fühlt sich einer ungerecht behandelt, Eifersucht spielt mit oder die Privatsphäre wird gestört. Der Einfluss der Geschwister kann größer als der der Eltern sein, positiv und negativ gesehen. Es kommt also sehr auf die Beziehung der Kinder zueinander an, wie sich das auf die Entwicklung auswirkt. Geschwistermobbing kann sogar Depressionen auslösen. In der Pubertät lösen sich viele Kinder voneinander, jeder braucht seinen eigenen Rückzugsraum. Das ist wichtig für die Entwicklung und sollte auch von den Eltern, z.B. mit getrennten Zimmern, gefördert werden.
Zwillinge sind dabei natürlich noch mal ein ganz spezielles Thema. Da sie gleich alt sind, wird die Liebe oder der Hass dementsprechend größer sein.
Einzelkinder sind verwöhnt

Einzelkinder sind verwöhnt

Was mir auffällt ist, dass ich es auf jeden Fall leichter habe, schöne Sachen mit Finn zu unternehmen. Viele befreundete Mütter können nicht mit, weil da noch das kleine Geschwisterchen ist. Zum Beispiel auf die Eisbahn oder ins Schwimmbad. Ich kann mich ganz auf meinen Sohn konzentrieren und mich dort um ihn kümmern. Der Umkehrschluss ist, dass er dadurch natürlich gewohnt ist, die volle Beachtung zu bekommen. Vielleicht überfordere ich ihn auch manchmal mit der ganzen Aufmerksamkeit. Bisher hat er sich noch nicht beschwert. Und sicher ist er verwöhnt, was Zeit mit mir/uns angeht. Aber ist das verkehrt?
Geschwister streiten immer

Geschwisterkinder können sich nicht alleine beschäftigen

Was mein Sohn unglaublich gut kann ist, sich alleine zu beschäftigen. Das konnte er aber schon von klein auf sehr gut und würde sich wohl auch nicht ändern, wenn er ein Geschwisterchen bekommen würde. Er kann mehrere Stunden alleine Lego in seinem Zimmer bauen. Für mich wäre ein zweites Kind momentan wohl mehr Stress als mein Sohn alleine. Er wird bald 5 und weiß sich sehr gut zu beschäftigen. Er kennt es ja auch nicht anders. Natürlich spiele ich auch mit ihm, wir basteln auch viel zusammen, aber ich bin immer froh, wenn er auch was alleine macht. Wenn Geschwister immer gewohnt sind, zusammen zu spielen, können sie sich vielleicht nicht so gut ohne jemanden beschäftigen.
Entscheidung Einzelkind

Was wünschen sich Einzelkinder?

Wenn man Finn fragt, wünscht er sich immer ein Geschwisterchen, mit dem er spielen kann. Am liebsten einen Bruder und sofort so alt wie er. Dass das erst ein Baby ist, verdrängt er gekonnt. Ich glaube aber, wenn man ältere Kinder fragt, würden die wahrscheinlich lieber alleine bleiben. Ich persönlich habe meinen Bruder auch erst richtig schätzen gelernt, als wir schon Erwachsen waren. Es ist für mich viel netter, wenn bei Familienfeiern noch jemand kommt, nicht nur wir. Sicher wünscht sich jedes Einzelkind einen Menschen, den er gerne haben kann, um den er sich sorgt, mit dem er spielt. Jemand, der einfach zur Familie dazu gehört.
Polizeistation Lego

Vertrauen ist wichtig

Was klar ist, wichtig für Kinder sind andere Kinder. Seien es Geschwister oder Freunde. Und Exklusiv-Zeit mit ihren Eltern. Sie brauchen Vertrauen und die Gewissheit, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Und das hängt nun nicht davon ab, ob sie alleine oder mit Geschwistern leben. Wenn Eltern also gerne mehr Kinder möchten, dann nicht, weil es für das erste Kind gut oder schlecht ist, sondern weil sie eben gerne ein zweites Kind möchten.

Wir möchten auch gerne noch ein Geschwisterchen für Finn, aus ganz egoistischen Gründen. Dann ist er aber auch schon so alt, dass er wie ein Einzelkind groß geworden ist.

Um mal einen Blick in die Schule zu werfen, kann man sagen, dass Einzelkinder oft etwas mitteilungsbedürftiger sind als Geschwisterkinder. Wobei man das auch nicht pauschalisieren kann. Ich habe schon des öfteren gedacht, das Kind lebt sicher alleine zu Hause und es war nicht so. 

Mein Fazit? Auch wenn sich das hier jetzt anhört, als wären Einzelkinder besser dran, denke ich nicht so. Meiner Meinung nach macht es keinerlei Unterschied außer in speziellen krassen Fällen. Was meint ihr? Einzelkind oder Geschwisterkind? Oder einfach egal.
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17 liebe Worte

  1. Hallo,
    ich kenne viele glückliche Einzelkinder, die nichts vermisst haben. Ich selber habe einen 15 Jahre älteren Bruder, bin also auch quasi Einzelkind (das Geschwisterverhältnis kam erst im Erwachsenenalter). Allerdings habe ich meine Freundinnen immer beneidet, die Geschwister hatten, mit denen man auch was "anfangen" konnte. (und eben nicht deutlich älter waren) Heute habe ich zwei Kinder, mit drei Jahren Abstand. Die beiden sind sich sehr nahe, beschäftigen sich viel miteinander, obwohl sie Junge und Mädchen (und beginnend bzw vollpubertierend ;) ) sind. Ich bin sehr dankbar, das es zwei sind. Trotzdem glaube ich nicht, dass es ein "besser" oder "schlechter" bei diesem Thema gibt. Es ist eine individuelle Entscheidung, und oft genug keine Wahl, sondern Schicksal (keine Folge- Schwangerschaft, Trennung etc.)Schlußendlich ist Glück keine Glücksache, sondern eine Einstellung.
    Viele liebe Grüße, Tanja

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    1. Liebe Tanja,
      ich kann es mir schwer ohne Bruder vorstellen, aber ich wäre wohl auch alleine klar gekommen. Aber jetzt finde ich es auf jeden Fall schön, dass ich jemanden habe. Drei Jahre Altersunterschied hätte ich mir auch immer gewünscht, sollte aber erstmal nicht so sein. Jetzt bin ich tatsächlich froh, falls es noch klappt, dass sie weiter auseinander sind, weil ich das Gefühl habe, mich voll auf das neue Baby konzentrieren zu können.
      LG Steffi

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  2. Liebe Steffi,

    wie du mehrfach geschrieben hast: man kann es nicht pauschalisieren. Und das ist vermutlich die Kernaussage. Alle Vor- und Nachteile und allgemeine Annahmen über Geschwister funktionieren im Allgemeinen. Wie die eigenen Kinder das machen, kann keiner sagen.

    Und der wirkliche echte Vorteil für die Kinder und auch für die Eltern kommt, meiner Meinung nach erst, wenn die Kinder groß sind. Wie du sagst, auf der Familienfeier ist man nicht allein und die Eltern haben mehr Leute um sich rum sitzen und müssen nicht auf ein Kind alle Wünsche für ein Enkelkind projizieren. Auch Entscheidung bezüglich der Gesundheit, die gegen Ende des Lebens einfach zunehmen, müssen die Kinder dann nicht allein fällen, sondern haben jemanden mit dem sie sich austauschen können.

    Die Entscheidung muss aber immer von den Eltern getroffen werden, denn kein Kind wird die Nachtschichten übernehmen und bei den Trotzphasen helfen (soll es ja auch nicht).

    LG und ich bin gespannt wie ihr euch entscheidet. Anja

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    1. Liebe Anja,
      danke für deinen langen und schönen Kommentar. Ich denke, du hast vollkommen Recht, im späteren Leben ist es wahrscheinlich wichtiger als in der Kindheit.
      LG Steffi

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  3. Spannend. Unser 1. war ja auch verhältnismäßig lange Einzelkind und ich habe viel Zeit mit ihm verbracht. Wie auch Euer kann er sich prima alleine beschäftigen, hat aber auch viel mit mir gemacht. Problem heute ist, dass er ungerne ohne uns irgendwo hin geht. Er kennt es einfach nicht anders. Da hat allerdings auch das Geschwisterchen bisher nichts dran geändert. Er liebt es mit seinem Bruder zu spielen, auch wenn dieser 4 Jahre jünger ist als er und freut sich sehr ihn zu haben. Ich bin gespannt, wie das ist, wenn sie beide älter sind.
    Aber uns wurde auch immer gesagt: Der Brauch doch ein Geschwisterchen, sonst ist er so alleine. Ich finde nicht, dass das sein muss. jedes Kind kann auf seine Weise glücklich werden. Und es muss nicht unbedingt ein geschwisterchen dazu gehören.

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    1. Liebe Sari,
      4 Jahre sind ja jetzt auch kein ganz so großer Unterschied finde ich. Finn ist eigentlich oft ohne uns unterwegs. Bei Freunden, in der Musikschule, beim Kinderturnen. Er ist auch öfter mal ein paar Tage bei Oma und Opa, das funktioniert sehr gut.
      LG Steffi

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  4. Hallo Steffi,
    ich kenne die Vorurteile sehr gut und finde es immer spannend, Parallelen zu ziehen oder eben auch Unterschiede festzustellen. Es gibt viele Vor- und Nachteile für beide Variante. Aus meiner aktuellen Erfahrung kann ich einfach folgendes Berichten. Mein Sohn hat bis er 2 Jahre alt war meine 100% (oft 200%) Aufmerksamkeit gefordert. Dass ich kochen musste etc. interessierte ihn überhaupt nicht. Erst als dann das kleine Baby kam, hat er gelernt, selbständig zu sein und jetzt kann ich !sogar! Hausarbeit erledigen. Manchmal wünschte ich mir schon, dass ich für die einzelnen Kinder mehr Zeit hätte und doch fand ich diesen Schritt für ihn enorm wichtig.
    ♥ Sabrina

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    1. Liebe Sabrina,
      das hört sich doch super an. Wir haben wirklich Glück, dass Finn sich so unglaublich gut alleine beschäftigt. Wenn wir zu Hause sind, dann verschwindet er in seinem Zimmer und spielt. Jetzt mit fast 5 geht das alles natürlich noch viel besser.
      LG Steffi

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  5. Ein spannendes Thema und ich denke, dass es immer nur eine individuelle Entscheidung oder "Lösung" gibt.
    Ich selber bin ein Einzelkind und fand das richtig super! Ich muss sagen, dass ich mich nie gelangweilt habe und Langeweile gar nicht kenne. Jetzt mit einem Kind überlegen wir doch ob sich unsere Einstellung, dass ein Kind für uns eine gute Zahl ist, etwas geändert hat... Die Zeit wird uns hoffentlich zu einer klaren Entscheidung helfen... ;)

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    1. Liebe Lara,
      ich glaube auch nicht, dass sich mein Sohn langweilt. Im Gegenteil. Ich habe mehr Zeit, mich um ihn zu kümmern und wir sind fast jeden Tag unterwegs. Andere mit mehreren Kindern haben da oft nicht die Zeit oder den Nerv zu.
      LG Steffi

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  6. Liebe Steffi,
    die Entscheidung ist natürlich individuell. Ich glaube alle Varianten sind okay. Einen Aspekt pro Geschwisterkind hätte ich noch zu ergänzen: in der Regel ist eine Geschwisterbeziehung die längste die ein Mensch in einem Leben führt. Meine beiden Mädchen sind jetzt 17 und 14 Jahre alt. Die Große war immer sehr dominant, es haben sich aber beide Mädchen sehr gut verstanden. Seit 1 1/2 Jahren ist die Große jetzt im Internat und die Kleine ist richtig aufgeblüht. Sie hat sich richtig "freigeschwommen". Jetz ist die Kleine in der "Einzelkindsituation". Sie genießt es, vermisst aber ihre Schwester ganz stark.
    Ich glaube letzt endlich musss das Herz darüber entscheiden...
    Alles Liebe Janine

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    1. Danke für deinen schönen Kommentar, Janine. Das freut mich für deine Mädchen, dann scheint das für euch ja genau richtig gewesen zu sein.
      LG, Steffi

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  7. Ich bin ein unglückliches Einzelkind gewesen, kenne aber auch viele glückliche. Der Unterschied liegt wohl darin, inwieweit die Eltern eines Einzelkinds Kontakte zu anderen Eltern und somit auch zu anderen Kindern pflegen und mit denen gemeinsame Unternehmungen planen.
    Für mich war es sehr wichtig, zwei Kinder zu bekommen. Wobei es mit dem 2. Kind wirklich ernst wird - sozusagen ;-)
    LG
    Sabienes

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  8. Für mich war eigentlich immer klar dass ich gerne zwei Kinder hätte...Mein Mann allerdings findet dass ein Kind ausreichend ist. Es ist für mich sehr hart mich damit abzufinden da mir leider auch andere Mütter immer wieder das Gefühl geben ich sei minderwertig weil ich nur ein Kind habe. Diese Tatsache macht mich sehr traurig...Man ist doch nicht eine schlechtere Mutter nur weil man nur ein Kind hat. Ich selbst glaube dass mein Kind nicht unglücklich darüber ist alleine zu sein da wir auch sehr viel unternehmen. Ich bin gespannt was die Zukunft für uns bereit hält.

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  9. Hallo bin momentan hin und her gerissen,früher wollte ich immer 2, jetzt hab ich 1 und kann mir gut vorstellen, dass es so bleibt,komme mir dabei aber manchmal egoistisch vor. Stelle mir die gleichen Fragen va weil wie bei dir fast alle um mich herum ein 2. haben oder wollen, total lächerlich aber fühlt sich ein bisschen an wie Gruppenzwang !? Vg Julia von travelingkinder

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  10. Liebe Steffi, ich liebe deine Beiträge, dein Blog ist wirklich eine Bereicherung für mich als alleinerziehende Mutter. Mach bitte immer weiter so

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    1. Oh, danke Lisa, das ist ja ein netter Kommentar!
      LG Steffi

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Ich freue mich riesig über nette Kommentare!